Aktuell

Mein Corona-Blog

Woche 9

Lockerung, Lockerung, Aufsperren, Aufsperren, Freiheit, Freiheit. Na dann, viel Spaß. Für Ihr Interesse an meinem Corona-Blog möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Das letzte Wort soll aber nicht das Virus haben:

„Der Alltag der Postpandemie bricht an. Die Regierung muss loslassen, die Gesellschaft muss ihre Freiheit klug gebrauchen. Das ist für beide nicht leicht.“

Neue Zürcher Zeitung vom 8. 5. 2020

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Das Virus COVID-19 hat mir einen Beschwerdebrief zukommen lassen. Da ich ohnehin nicht mehr vorhabe, mich mit diesem infektiösen Winzling zu beschäftigen, soll er sich halt beschweren.

Beschwerdebrief

Sehr geehrte Damen und Herren,

mir reicht’s. Nein, ich bin nicht Mitglied des Schützenbundes, sondern das Virus, also Corona oder Covid-19 oder SARS-CoV-2, egal, nennen Sie mich, wie es Ihnen am besten gefällt. Mit reicht es trotzdem. Seit Wochen schiebt mir dieser Herr Asam alle möglichen Dinge in die Schuhe und stellt völlig abstruse Zusammenhänge her. Zu behaupten, dass ich für längere Zeit im Arsch von Herrn Trump gewohnt habe, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Wenn Sie es genau wissen wollen, ich habe mich bis knapp unter seine Schädeldecke hochgearbeitet und dort keine einzige Zelle vorgefunden, die mir ein Weiterleben ermöglicht hätte. Daraufhin bin ich durch die Nasennebenhöhlen ins Freie geflüchtet. Was hätten Sie an meiner Stelle gemacht?

Dass ich allgemein unbeliebt bin, damit kann ich leben, aber an allem schuld bin ich nicht. Kann mir jemand erklären, warum plötzlich alle 100 Jahre alt werden wollen. Wozu soll das gut sein? Deshalb braucht es einen wie mich, der nichts anderes gelernt hat außer Krankheitserreger. Ein Tischler macht ja auch nicht den Friseur, außer in Corona-Zeiten (das war jetzt ein Witz). Ich weiß natürlich, warum dieser Asam auf mir herumhackt, weil der faule Sack jetzt im Haushalt mithelfen muss. Es wurde Zeit, dass er sich endlich sinnvoll nützlich macht. Ach ja, und dann ist er sauer, weil es anstatt jeden Abend Fußball im Fernsehen nur mehr jeden Tag Gänsbacher im Radio gibt. Da bleibt einem typischen Risikogruppen-Vertreter ohne Systemrelevanz eben nur mehr das tägliche Nörgeln.

Aber nicht nur er, auch die Virologen schießen unentwegt auf mich. Mit geringem Erfolg, weil ich ja so klein bin. Ganz ehrlich, meine Damen und Herren, wäre ich nicht in Ihr Leben getreten, hätte das ein Kollege getan. Wir sind nämlich ziemlich viele. Obwohl, wenn ich mir so anschaue, was Sie mit Ihrem Lebensraum anstellen, frage ich mich schon, wozu es uns überhaupt braucht. Sie leisten da ziemlich gute Vorerkrankungen… äh, Vorarbeit. Entschuldigen Sie den Freud’schen Versprecher.  Vielleicht schaue ich im Herbst noch einmal bei Ihnen vorbei. Und wenn der Herr Asam dann wieder Unsinn über mich schreibt, habe ich ja so meine Möglichkeiten. Mit viralen Grüßen

Ihr treuer Begleiter C.

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Haben Sie auch schon alle Verschwörungstheorien auf Ihren Wahrheitsgehalt geprüft? Das hätten Sie sich sparen können. Die einzigen wahren Verschwörungstheorien stammen von mir. Ich weiß, ich bin spät dran, aber besser jetzt als nie.

Verschwörungstheorie international. Das Virus hat mehr als 70 Jahre glücklich und zufrieden im Dickdarm von Donald Trump gelebt. Gegen seinen Willen wurde es in einer stürmisch-windigen Nacht hinaus in die Welt geblasen. Ausgerechnet an jenem Tag war die rotblonde Föhnfrisur zu Besuch bei seinem Kollegen Xi Jinping (chinesisch 習近平 / 习近平),  um ihm die Weltwirtschaft zu erklären. Das winzig kleine Virus fand sich von einem Augenblick auf den anderen in einer ihm völlig fremden Umgebung zwischen Hunden, Schlangen und Fledermäusen wieder. Seither irrt es in der Welt umher, und die Welt hofft, dass es ihm gelingt, wieder dorthin zu verschwinden, wo es einmal war.

Verschwörungstheorie national. Schwierig. Die italienische Verschwörungstheorie ist politisch umstritten. Die Umfragewerte von Matteo Renzi sind mittlerweile auf eine virale Größe geschrumpft, aber er bestreitet, etwas damit zu tun zu haben. Giorgia Meloni fordert eine einheitliche Verschwörungstheorie „per tutti gli italiani“ und erhält Unterstützung von Matteo Salvini, der sich notfalls auch damit zufriedengeben würde, Angela Merkel als viralen Infektionsherd zu erklären. Die Fünf-Sterne-Bewegung beteiligt sich nicht an der Debatte, sondern überlässt alles, was mit Corona zu tun hat, Giuseppe Conte. Es ist daher äußerst fraglich, ob man sich vor dem Ende der Pandemie noch auf eine gemeinsame Verschwörungstheorie einigt. Vorher soll auf jeden Fall das Parlament verkleinert werden. Das könnte mit Corona schneller gehen als ohne. Aber auch das ist eine Verschwörungstheorie.

Verschwörungstheorie lokal. Prof. Dr. Gänsbacher gibt es überhaupt nicht, sondern ist eine Erfindung von RAI Südtirol und Landeshauptmann Kompatscher, die einen arbeitslosen Schauspieler engagiert haben, um uns einzureden, zuhause zu bleiben, Abstand zu halten und eine Maske zu tragen, die wir nur beim Zähne putzen abnehmen dürfen. Die Vermutung von Ulli Mair, bei Prof. Gänsbacher könnte es sich um einen afrikanischen Flüchtling handeln, der nach Südtirol gekommen ist, um leichte Drogen gegen Schüttelbrot einzutauschen, hat sich als haltlos erwiesen.

Woche 8

Nun haben wir auch die 8. Corona-Woche überstanden. Mit Montag, 4. Mai, beginnt eine neue Zeitrechnung. Apropos Zeit: Ist Ihr Zeitgefühl in diesen Wochen auch etwas durcheinandergeraten? Ich musste manchmal dreimal überlegen, ist Mittwoch, Donnerstag oder schon Samstag? So schlimm wie unsere Schützen hat es mich aber nicht erwischt. Die haben doch tatsächlich am Wochenende die Herz-Jesu-Feuer entzündet. Mander, wir haben Anfang Mai! Es ist zu früh. Lasst euch Zeit mit den Bergfeuern. Wahrscheinlich haben sich die Schützen von der anhaltenden Heldenverehrung irritieren lassen. Seit Wochen huldigen wir – völlig zurecht – den unterbezahlten Helden der Arbeit. Ich würde ihnen den Heldenstatus aberkennen und dafür alle mit neuen Tarifverträgen ausstatten. Wer unbedingt Helden braucht, dem empfehle ich einen Besuch im Museum Passeier. Dort liest man den wunderschönen Satz:

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“ (B. Brecht, „Leben des Galilei“).

Wer es nicht weiß, das Museum Passeier ist dort, wo Andreas Hofer zuhause war. Und wäre der nicht als Held gestorben, er hätte bestimmt noch viele Jahre glücklich im Kreise seiner Familie… wie Märchen halt so enden.

Zum Schluss noch ein Tipp, damit Sie wieder ein Gefühl für die Zeit bekommen: Schon nächsten Sonntag ist Muttertag. Alle Papis sollten sich früh genug überlegen, ob die Kinder schon Geschenke für die Mami haben, heuer könnt ihr euch nicht auf die „Tanten“ verlassen. Die Kindergärten sind geschlossen. Ja, ja, Corona, man muss sich wirklich um alles selber kümmern. Wie wär’s mit einer flammenden Liebeserklärung von der Höh‘? „Mami, wir haben dich lieb!“. Das wäre eine Win-Win-Situation, weil jeder Vater behaupten könnte, er habe das Feuer in Auftrag gegeben, und die Schützen könnten wir mit dem Titel „Systemrelevante Helden des Muttertages“ belohnen.

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Seit 1977 kürt die Gesellschaft für deutsche Sprache regelmäßig das Wort des Jahres, seit 1991 auch ein Unwort. 2008 war „Finanzkrise“ das Wort des Jahres, „notleidende Banken“ durfte sich mit dem Titel Unwort des Jahres schmücken. Wahrscheinlich, weil sich notleidend und Bank a priori ausschließen. Nun sind wir wieder in einer Krise, und ich gehe davon aus, dass Corona ein Wörtchen mitsprechen wird, wenn es ans Eingemachte geht. In Deutschland könnten „Systemrelevant“ (positiv) bzw. „Ausgangsbeschränkung“ (negativ) gute Chancen haben. Vielleicht sogar im gesamten deutschen Sprachraum. Im gesamten deutschen Sprachraum? Nein, ein kleines Land in oder hinter den Bergen schert aus, geht seinen eigenen Weg, einen Sonderweg. Wenn das nicht unser Südtiroler Wort des Jahres wird, dann bleibt als Alternative vielleicht noch „Sackgasse“. Und das Unwort? Das steht auch schon fest: Reisewarnung! Damit steht die „Reisewarnung“ in einer Reihe mit  Schweinegrippe, Protz-Bischof und Funklochrepublik. Geschieht ihm auch recht, diesem Unwort. Wenn Sie – liebe Leser*innen – bessere Vorschläge haben, gerne. Schreiben Sie mir eine E-Mail. Und nicht vergessen: Wir sind anders als alle anderen!

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Die Stunde der Patrioten hat (wieder) geschlagen. Ich sehe die Bauern von Egger-Lienz vor mir, wie sie mit grimmigen Gesichtern, nach vorne gebeugten Oberkörpern und rustikalem Gerät in Richtung… hm, das ist jetzt die Frage, in welche Richtung stürmen sie denn? Egal, Hauptsache weg von Rom. Das war zu erwarten. Sie hoffen auf die Unterstützung der vielen Enttäuschten, die nicht mehr länger warten wollen auf ihr „normales“ Leben. Ein „Sonderweg“ hört sich gut an, aber (zu) viele rufen jetzt danach, die hinterher keine Verantwortung dafür tragen. Bei allem Verständnis für wirtschaftliche Erfordernisse, glaubt jemand, dass „es“ vorbei ist? Mahnen Wissenschaftler aus Spaß zur Vorsicht und warnen vor der sogenannten zweiten Welle? Damit wir uns recht verstehen, nichts lieber als raus aus diesem Corona-Albtraum, aber ob die Zeit dafür schon reif ist? Ich weiß es nicht. Also verlasse ich mich auf jene, die es – vielleicht – besser wissen und nicht auf jene, die aus der Krise politisches Kapital schlagen möchten. Das gilt nicht nur für Lokalpatrioten.

Ich weiß, Sie hätten in schwierigen Zeiten lieber etwas zum Schmunzeln, deshalb verzichte ich darauf, Werbung für Ulli Mair zu machen, die einmal pro Woche auf sich aufmerksam macht, um das Aggressionspotential ihrer anonymen Netz-Community zu überprüfen. Es gibt Gott sei Dank genügend positive Beispiele, Menschen wie Tina Wijns zum Beispiel.

Tina ist Geschäftsführerin eines kleinen, schmucken Hotels in der Altstadt von Brügge. Flanderns Touristenattraktion ist derzeit so leer wie alle anderen weltweit. Aber Tina hat ihr Hotel geöffnet. Sie vermietet die 37 Zimmer an Obdachlose, weil die Unterkünfte in der Stadt nicht ausreichen. Damit unterstützt sie einen Verein, der für Obdachlose Nachtunterkünfte zur Verfügung stellt.

„Wir geben diesen Leuten ein Bett. Sie können ein Bad nehmen. Am Morgen geben wir ihnen Kaffee. Sie müssen um 9:00 Uhr auf die Straße zurück.“ (Tina Wijns)

Bevor die Gäste das Haus verlassen, räumen sie auf, machen sauber, erledigen sonst so manche Arbeit, die anfällt. Das war jetzt auch nichts zum Schmunzeln, aber vielleicht etwas zum Nachdenken, weil wir ja gerade drauf und dran sind, die Geduld zu verlieren.

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Der gute Prof. Gänsbacher redet sich seit Wochen den Mund fusselig, dass der Teufel im Detail steckt, das Virus den Menschen tötet oder umgekehrt und solche Sachen halt. Dabei ist das Corona-Virus nicht mehr unser aller Problem. Nein! Man braucht sich nur umzusehen. Eine ganz ordinäre Halsentzündungspandemie hat offenbar um sich gegriffen. Immer mehr Menschen wärmen und schützen mit einem Halstuch ihren…  Hals eben, brauchen das Tuch aber nicht für Mund und Nase. Auch Maskenträger*innen sind unterwegs, die keine Halsentzündung haben, sondern ein Doppelkinn. Und was hilft gegen ein Doppelkinn? Eine Gesichtsmaske, die man straff unterm Kinn trägt. Wenn Sie, liebe Leser*innen, jemanden begegnen, der oder die den Schal einmal um den Hals gewickelt und an beiden Enden über den Kopf gebunden und verknotet hat, das ist dann einer der eher selten anzutreffenden Menschen mit Halsentzündung und Doppelkinn. Was aber tut einer, der alles hat, Virus, Halsentzündung und Doppelkinn. Ich warte jetzt, was der bekannte amerikanische Wirrologe D. Trump dazu sagt, dann sehen wir weiter.

Woche 7

Zum Ende dieser 7. Corona-Woche die guten Nachrichten. Die Paartherapeutin Beatrice Wagner (München) erinnert:

„Ein Orgasmus stärkt das Immunsystem.“

Bevor Sie jetzt in Richtung Schlafzimmer aufbrechen, ganz schnell noch die allerbeste Geschiche dieser Woche. Sie kommt – wieder einmal – von unserem Freund Donald aus Amerika. Er hat die Lösung, wie man an Covid-19 erkrankte Patienten heilen kann. Der Präsident schlägt vor, man sollte ihnen Desinfektiomnsmittel injizieren oder sie mit ultraviolettem Licht bestrahlen. Mein Vorschlag: Er soll es vormachen. Wir stärken derweil unser Immunsystem und schauen dann, wie es ihm geht.

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Niemand leidet derzeit so wie die Fußballfans. Hätte sich vor Monaten jemand gefreut, wenn Geisterspiele angekündigt worden wären? Geisterspiele! Pfui! Und jetzt? Hurra, endlich! Geisterspiele! Hauptsache Fußball. Der Begriff hat eine völlig neue Bedeutung erhalten. Ein Pfui-Wort ist plötzlich positiv besetzt. Für alle Nicht-Fußballfans: Geisterspiele sind keine mitternächtlichen Verabredungen auf Friedhöfen, auch keine Esoteriksitzungen, die dazu dienen, längst verstorbene Ahnen zu belästigen, ein Geisterspiel ist ein Spiel zweier Fußballmannschaften ohne Publikum. Vor nicht allzu langer Zeit gab es Geisterspiele nur, wenn sich die Fans einer Mannschaft danebenbenommen haben, und ihr Verein das ausbaden musste. Dann blieb das Stadion beim nächsten Heimspiel leer. Fußball ohne Zuschauer? Keine Stimmung, keine Einnahmen, auch keine Schlägereien, keine Pyrotechnik, mit der man gegnerische Fans beschießen kann, nichts halt, was zum modernen Fußball gehört. Seit Corona werden alle Fußballfans bestraft, egal, ob sie ins Stadion gehen, um Fußball zu sehen, oder, um sich mit gegnerischen Ultras zu prügeln. Zur Strafe werden nur mehr Fußballspiele aus dem vorigen Jahrtausend gezeigt. Die Jungen unter uns staunen, was man früher unter Fußball verstanden hat. Da durfte Kaiser Franz am Mittelkreis stehenbleiben, den Fuß auf den Ball stellen, überlegen, wohin er ihn spielen könnte, den Ball, und hätte es damals schon Handys gegeben, der Franz hätte auch noch die Zeit gehabt, Gerd Müller telefonisch zu verständigen, dass er jetzt gleich den Ball serviert bekommt. Heute wäre der Kaiser innerhalb von drei Sekunden von ebenso vielen gegnerischen Spielern umringt, und mindestens zwei davon würden ihn ans Schienbein springen. Aber das waren andere Zeiten. Die Verteidiger des FC Bayern hatten damals noch Namen wie Kunstwadl und Kupferschmidt oder Schwarzenbeck. Neue Spieler kamen aus Freilassing, nicht aus Kanada, weil Kanada damals noch ein Land war, wo es Grizzlybären und Eishockey gab, und sonst nichts. Und jetzt gibt es hier bei uns nichts mehr, also bleibt einem nur die Hoffnung auf Geisterspiele, zuhause im Geisterwohnzimmer vor der Glotze, alleine mit einem Bier. Und das Schlimmste: Wenn ich den Schiri ein paar deftige Schimpfwörter an den Kopf werfe, dann ist ihm das egal, weil er sie nicht hört. Draußen auf dem Balkon wird gerade geklatscht. Hab‘ ich ein Tor versäumt?

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Nach beinahe 7 Corona-Wochen wird es Zeit für sinnvolle Informationen. Damit haben Sie jetzt nicht mehr gerechnet, noch dazu an dieser Stelle und ausgerechnet von mir. Aber besser spät als nie.

In Corona-Zeiten kommt von allen Seiten unerwartete Hilfe. Neulich hat mir jemand mit einem Klopapier-Rechner aus der Patsche geholfen. Was das ist, fragen Sie? Ein Kalkulator, der genau ausrechnet, wie viel Klopapier pro Tag im Haushalt (pro Person) oder im Geschäft… nein, das habe ich jetzt verwechselt, beim Geschäft – also großes oder kleines Geschäft. Sie können selbstverständlich Ihren persönlichen Bedarf ausrechnen. Wenn Sie das nächste Mal aufs Klo gehen, nicht vergessen, zu zählen. Abreißen, wischen usw. Weitere Details möchte ich Ihnen ersparen. Schauen Sie doch einfach selbst nach, und zwar unter www.goldeimer.de/klopapier-rechner.

Kommen Sie mir jetzt ja nicht mit billigen Ausreden, etwa dass die Zeit der Hamsterkäufe vorüber ist und Sie ganz genau wissen, wie viel Klopapier… Gehören Sie zu jenen, die nur aufs Klo gehen, wenn gerade Pandemie ist? Na also! Und Sie wissen ja, das Benzin geht auch immer dann aus, wenn wir gerade mit dem Auto unterwegs sind.

Woche 6

Die Ungeduld nimmt zu. Ich kann verstehen, wenn vor allem Wirtschaftstreibende ihre Tätigkeit wieder aufnehmen wollen. Ich höre aber auch diejenigen, die warnen. So tun, als ob jetzt schon alles wieder vorbei wäre, könnte ins Auge gehen. Oder um es mit den Virologen und Immunologen zu sagen: Alle bisherigen Anstrengungen könnten umsonst gewesen sein. So richtig ernst haben wir das Virus doch alle nicht genommen, nicht einmal dann, als es von China plötzlich den Sprung nach… Dings, äh, Co… irgendwo geschafft hat. Ach ja, Codogno, Corona in Codogno. Wir haben uns sogar noch aufgeregt, als so ein hinterwäldlerisches Institut in…, egal, Deutschland halt, ja die Deutschen, wissen wieder einmal alles besser. Falsch. Nicht besser, aber offensichtlich ein bisschen früher als die Gescheitesten und Besten aller Zeiten. Also wir! Robert-Koch-Institut! Jetzt ist es mir wieder eingefallen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat Südtirol am 5. März zum Coronavirus-Risikogebiet erklärt. Und wir? Wir haben es denen aber gegeben und interveniert. Südtirol und Risiko? So ein Schmarrn. Wir hätten diesen Robert Koch nach Antholz zur Biathlon-WM einladen sollen. Da hätte er gesehen, wozu wir fähig sind. „Diese Einstufung Südtirols als Risikogebiet entbehrt jeglicher Grundlage, wir fordern eine Neubewertung…“, schallte es aus der Handelskammer, aus unserer, wohlgemerkt, also Südtiroler Handelskammer. Seither glaube ich dem Chef des Robert-Koch-Institutes mehr als dem Chef der Südtiroler Handelskammer, wenn es um das Coronavirus geht, sonst natürlich nicht. Als strammer Südtiroler! Deutschland ist – nicht zuletzt dank Robert-Koch-Institut – ganz gut gefahren in dieser Krise. Trotz so manchem föderalistischen Hickhack. Und Österreich? Auch nicht schlecht, im Gegenteil, sogar sehr gut. Trotz Ischgl! Heute, Sonntag, 19. 4., 12 Uhr, hat Südtirol im Vergleich zum Bundesland Tirol mehr als dreimal so viele Tote zu verzeichnen, die an bzw. mit dem Virus gestorben sind, nämlich 245 zu 66. Österreich verzeichnete bisher 443 Corona-Tote, nicht einmal doppelt so viele wie Südtirol. Was ich damit sagen will? Wenn man anderswo vorsichtig ist, sollten wir in diesem unseren Supersupersüdtirol doppelt vorsichtig sein. Wie sagte doch der Radioprofessor aus dem Sarntal vor wenigen Tagen: „Ich bewundere Deutschland, wie gut die das gemacht haben, und auch die Österreicher (…) Die Resultate lügen nicht. Wenn ein Land weniger Tote hat, hat es vieles richtig gemacht, als ein Land, in dem es mehr Tote gibt.“ Bleiben wir also nicht nur gesund, sondern bleiben wir, und mag es noch so schwerfallen, auch geduldig, bevor wieder dieses gescheite Institut von diesem Dings, diesem Robert Koch, kommt und in der Welt herumposaunt, wir wären ein Risikogebiet. Lächerlich!

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Waren das noch Zeiten als die EAV ihren Hit vom „Ba… Ba… Banküberfall“ trällerte und „das Böse immer und überall“ lauerte. Jetzt lauern maskierte Mütter mit Kinderwagen und maskierte Opas und frustrierte Machos mit Einkaufstaschen – auch maskiert – vor den Geschäften, und in den Geschäften warten maskierte Verkäufer und Innen, und keine/r will dem/der anderen zu nahe kommen, weil man nicht weiß, auf welcher Seite das Böse lauert, das böse Virus, das uns die „neue Normalität“ (Kanzler Kurz hat gesprochen!) beschert hat.

Vielleicht hätten wir uns alle diese „neue Normalität“ ersparen können, wenn wir damals, im fernen Jahr 1985, das ernst genommen hätten, was uns die EAV mit ihrem „Banküberfall“ sagen wollte. Aber es wäre wohl zu viel verlangt gewesen, einer Musikgruppe hellseherische Fähigkeiten zuzuschreiben, zumal kein einziger Virologe oder Immunologe dabei war. Und der Erfinder der „neuen Normalität“ erblickte erst ein Jahr später das Licht der Welt. So ein Pech. Trotzdem: Mitsingen!

Der Kühlschrank ist leer, das Sparschwein auch.
Ich hab‘ seit Wochen kein Schnitzel mehr im Bauch.
Der letzte Scheck ist weg, ich bin nicht liquid.
Auf der Bank krieg ich sowieso keinen Kredit.
 

Gestern enterbt mich auch noch meine Mutter.
Und vor der Tür steht der Exekutor.
Mit einem Wort, die Lage ist fatal.
Da hilft nur eins: Ein Banküberfall!
 

Ba Ba Banküberfall, Ba Ba Banküberfall.
Ba Ba Banküberfall, das Böse ist immer und überall.

Ja, die Lage ist fatal, aber jetzt ist Licht am Ende des Tunnels, weil es kommt der gelockerte Lockdown, die Phase 2, die „neue“ (sic!) Normalität, und was weiß ich was noch alles. Oder um es mit den Worten einer Standl-Frau vom Münchner Viktualienmarkt zu sagen:

„Die Lage ist beschissen, aber nicht hoffnungslos!“

Das wäre ein Satz, der hätte wunderbar in die musikalische Prophezeiung der EAV gepasst.

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Ich möchte zu Beginn dieser 6. Corona-Woche alle bitten, einen Gedanken an diejenigen zu verschwenden, die in diesen schweren Zeiten wahnsinnig viel Geld verlieren. Natürlich muss man wahnsinnig viel Geld besitzen, um auch wahnsinnig viel verlieren zu können. Aufgepasst: Das Vermögen der reichsten Menschen der Welt ist laut dem amerikanischen Wirtschafts-Magazin «Forbes» um 700 Milliarden auf acht Billionen Dollar geschrumpft. «Forbes» weiß von 2095 (zweitausendfünfundneunzig!) Milliardären, die sich diese lächerlichen acht Billionen Dollar teilen müssen. So über den Daumen gepeilt, bleibt da nicht einmal eine Billion pro Kopf übrig. Vielleicht denken Sie jetzt, dass die Superreichen gar nicht merken, ob sie nach Corona ein paar Milliarden weniger auf dem Konto haben als vor Corona. Mag schon sein, aber stellen Sie sich doch vor, wie superteuer das Leben der Superreichen ist. Da kann es bei dem einen oder anderen ganz schön eng werden. Dass viele mit dem Haushaltsgeld nicht zurechtkommen, beweist auch folgende Nachricht: Der Club der Superreichen ist im Vergleich zu 2019 um 58 Milliardäre geschrumpft. Diese Spezies ist vom Aussterben bedroht, wenn da so weitergeht. Irgendwann hat es sich ja ausgeschrumpft.

Besonders betroffen gemacht hat mich ein Einzelschicksal, jenes von Donald Trump. Das Vermögen des US-Präsidenten sank aufgrund der Corona-Pandemie laut «Forbes» in nur einem Monat um eine Milliarde auf 2,1 Milliarden Dollar. Das ist dramatisch. Oder kann von Ihnen jemand ähnliche Verluste aufweisen? In einem Monat wohlgemerkt. Trump stürzte deshalb von Platz 715 auf Platz 1001 ab. Unsereiner stürzt vielleicht einmal auf einer Skipiste, von der Leiter oder mit etwas zu viel Promille im Blut, aber doch nicht von Platz 715 auf 1001. Da schuftet einer im Weißen Haus von früh bis spät, um sein Land, ach was, die ganze Welt von Leid und lästigen Viren zu bewahren, und vergisst dabei sich selbst. Wenn er wenigstens Zeit für einen Kurztrip nach London gehabt hätte, um seinen Bruder im Geiste Boris auf der Intensivstation zu besuchen. Nicht einmal das. Es ist zum Weinen!

Wenn Ihnen also Menschen begegnen, die jammern, dass sie noch ein paar Wochen zuhause bleiben müssen, erzählen Sie ihnen, wie übel dieses antikapitalistische Virus Donald und seinen 2094 Freunden mitspielt.

Woche 5

Träumen Sie auch so wirres Zeug in letzter Zeit? Ich habe geträumt, dass ich in einem Restaurant sitze, an einem Tisch mit 10 (zehn!) anderen Leuten, also richtigen Menschen, die man anfassen konnte. War gar nicht schwer, weil wir alle ziemlich eng nebeneinandersaßen. Jemand aus der Runde hat dann gehustet, und niemand hat sich deshalb besonders aufgeregt. Hat halt gehustet, wie man hustet, wenn man husten muss, weil man sich verschluckt hat. Es war ein tolles, ganz entspanntes Abendessen. Nur schade, dass zwei der Gäste nicht kommen konnten, weil sie auf der Brennerautobahn vor der Mautstelle Sterzing im Stau steckten. Osterreiseverkehr, Sie wissen schon. Aber so geht es halt, wenn man nicht früh genug von zuhause losfährt. Dann passierte etwas Seltsames. Eine Dame kam an den Tisch, ich wollte sie mit Küsschen links, Küsschen rechts begrüßen, als ich bemerkte, dass sie eine Gesichtsmaske trug. „Sie müssen eine Maske tragen.“, sagte sie zu mir. „Warum,“, habe ich gefragt. „wegen Corona? „Ach was, Corona ist vorbei.“ sagte die Frau. „Mit einer Maske müssen Sie Menschen, die man nur küsst, weil man glaubt, es gehört sich so, nicht mehr küssen. Die Frage, soll ich oder soll ich nicht, und wenn ja, zweimal oder dreimal, diese Frage stellt sich nicht mehr. Eine kurze Berührung mit dem Ellbogen sieht elegant aus, kann durchaus etwas Erotisches haben, wenn die Blickrichtung stimmt, und reicht andererseits völlig, wenn Ihnen Ihr Gegenüber scheißegal ist.“ Die Frau rammte mir den Ellbogen in die Rippen, drehte sich um und ging. Dann bin ich aufgewacht, und ich weiß jetzt: Küssen mag ansteckender sein, aber es tut weniger weh.

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Mein Coronatag hat heute mit einer rund halbstündigen Untersuchung meiner Gesichtsmaske begonnen. Untersucht habe ich, nicht gesucht. Vergeblich: Kein „Made in China“, kein Hinweis auf ein Sonderangebot, Corona-Schlussverkauf oder so etwas. Nichts. Wir haben im Augenblick ja wenig Abwechslung. Immer nur Zahlen von Infizierten, von Toten, von Gesunden, immer nur Gänsbacher. Immer Kurven, die abflachen sollen und das nicht tun. Das ist aber auch so etwas von langweilig. Da kommt ein Maskenskandal gerade recht. Die „hinterher-reitet-die-alte-Urschel“-Fraktion läuft zu Höchstform auf. Damit möchte ich auf keinen Fall ältere Damen, die auf den schönen Namen Ursula hören, beleidigen. Wirklich nicht. Mich nerven die Besserwisser, die jetzt (Betonung auf jetzt!) wissen, was wir vor vier Wochen beachten hätten sollen, und die in vier Wochen wissen, was jetzt zu tun gewesen wäre. Ich hätte da noch ein paar Informationen, über die wir die nächsten Tage diskutieren könnten:

  • Österreich hat vom chinesischen IT-Konzern Alibaba Ende März 50.000 Test-Kits und 500.000 OP-Masken bekommen. Beatmungsgeräte sollen folgen. Das meldet die Zeitung „Der Standard“ heute.
  • Am Flughafen München ist am Dienstag dieser Woche ein Frachtflugzeug mit acht Millionen Schutzmasken aus China gelandet war. Das meldet der Ministerpräsident Bayerns höchstpersönlich.

Kaum zu glauben, aber unsere Vorbilder Kurz und Söder vertrauen trotz Maskenskandal in Südtirol weiterhin auf dieses chinesische Zeug. Irgendwann werden wir wissen, was am Untergang des Abendlandes schuld ist: Corona oder doch Gesichtsmasken aus China.

PS. Und von Beatmungsgeräten aus China würde ich abraten. Wer weiß, ob wir da nicht Luft aus dem Feierabendverkehr in Peking vor dem Ausbruch des Corona-Virus bekommen.

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War das ein schönes Wochenende? Der Himmel strahlend blau, Sonne von früh bis spät, einfach herrlich. Wenn Sie wüssten, wo ich war. Zuhause natürlich, wo sonst. Es ist, als würde uns die Natur die Zunge herausstrecken: Seht her, wie gut es mir geht ohne euch. Was schert mich der Wetterbericht. Früher war der Wetterbericht die Information, auf die wir alle gewartet haben, also ante Corona. Die Nachrichten im Fernsehen konnten gar nicht schnell genug vorbei sein, damit wir endlich wissen durften, was uns das Wetter bescheren würde: morgen, übermorgen, die kommenden Tage. Besonders schlimm war der Sonntagabend. Entweder Wetterbericht oder die ersten „Tatort“-Minuten. Was für Diskussionen zuhause. Jetzt, wo wir alle stressfrei um 20.15 Uhr umschalten könnten, um den Mord nicht zu verpassen, dauert die andere „Tagesschau“, jene der ARD, plötzlich bis 20.30 Uhr. Wer hat sich so etwas ausgedacht? Aber es ist halt nichts mehr so wie es immer war. Überzeugen Sie sich selbst.

Ach ja, Ostern soll es regnen. Na und?

Woche 4

Am Ende von Woche 4 eine Beichte. Es muss einfach heraus. Jawohl, ich weiß, warum ich zuhause bleiben soll, und ich weiß, warum es wichtig ist, Mundschutz zu tragen, wenn ich nicht zuhause bleibe. Zuhause bin ich sicher vor den anderen und die anderen vor mir, keine Frage. Aber! Natürlich kommt jetzt ein Aber. Das Aber der großen Laufgemeinde. Joggen ist erlaubt, aber… nur nahe der eigenen Wohnung. Maximal 200 Meter entfernt. Wie lange sind 200 Meter? Jetzt weiß ich es: Zu kurz. Viel zu kurz. Es ist Frühjahr, die Tage werden wärmer, die Laufklamotten leichter, und die Laufstrecken halten erwartungsfroh Ausschau nach Läuferinnen und Läufern. „Wo seid ihr?“ ruft der Tappeinerweg, „Kommt doch endlich!“ die Gilf-Promenade, „Faule Säcke!“ der Passerdamm in seiner üblichen etwas ungehobelten Art. Wie soll ich dem Tappeinerweg erklären, wozu die rotweißen Bänder gut sind, die seine Zugänge versperren. Dem Passerdamm zu sagen, dass ihm Gemeindegrenzen egal sein können, ich diese aber nicht ignorieren kann, ist zwecklos. Er nimmt dich erst ab 10 km ernst. Ob ich Fieber habe, weil Laufstrecken mit mir sprechen? Nein, es geht mir gut, aber 200 Meter sind lächerlich. Klar gibt es Fitnessprogramme fürs Wohnzimmer, ich mach das ab und zu, ehrlich. Und es gibt Heimräder und Laufbänder. Will ich nicht. Was ich will, ist Bewegung im Freien. Hinter unserem Wohnhaus verläuft ein schmaler Fußweg. Den bin ich mit dem Fahrrad abgefahren, um die Strecke zu vermessen. Bis zur ersten Abzweigung sind es genau 250 Meter. Einmal hin, einmal retour, macht 500 Meter. Zehnmal hin und zurück sind immerhin 5 km. Jetzt werde ich noch nachrechnen, wie oft ich die Strecke laufen muss, bis unterm Strich ein Halbmarathon steht. Man muss sich Ziele setzen, Corona hin oder her. Bitte, kein Wort zu niemandem. Ich weiß, ich bin drüber. 50 Meter pro Strecke, 100 hin und zurück, 200 Meter, wenn ich zweimal hin und herlaufe. Aber 200 ist ja erlaubt, oder habe ich da etwas falsch verstanden?

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Wenn jemand von der Bildfläche verschwunden ist, ja, wenn man im Grunde genommen nur bestätigt haben möchte, dass die betreffende Person noch unter den Lebenden weilt, genau dafür haben Zeitschriften die Rubrik „Was macht eigentlich…“ erfunden. Die Corona-Krise hat dieser Rubrik eine ganz neue politische Gruppe zugeführt: Die Oppositionspolitiker*innen. Haben Sie sich letzthin nicht auch gefragt, was macht eigentlich Matteo Salvini? Der Wahlkampf war sein Leben, egal, ob er gerade in der Opposition war oder auf der Regierungsbank saß. Jetzt braucht das Wahlvolk keine Wahlkämpfer, sondern hat lieber Politiker, die Verantwortung übernehmen und handeln. Salvini muss zusehen, wie seinem Intimfeind Conte die mediale Aufmerksamkeit gehört. Da kommt Hilfe aus Ungarn gerade recht. Endlich die Chance, sich zurückzumelden. Salvini-Freund Orban zeigt der Welt, dass Opposition nicht nur in diesen Tagen, sondern irgendwie überhaupt überflüssig ist. Salvini – und an seiner rechten Seite Frau Meloni – melden sich aus der politischen Quarantäne zu Wort, mit viel Lob und Verständnis für den ungarischen Weg, der Corona-Krise zu begegnen. Zu blöd, dass man sich im vergangenen Sommer selbst etwas voreilig aus dem Spiel genommen hat. Ob diese Chance noch einmal kommt, dieser Virus? Fragt sich welcher: Der Corona-Virus oder der Orban-Virus? Gegen Ersteren wird die Medizin ziemlich sicher bald ein wirksames Gegenmittel entwickeln. Der Orban-Virus hingegen hat sich nun schon seit fast 100 Jahren in regelmäßigen Abständen als resistent erwiesen, vor allem gegen jede Vernunft. Ich wünsche mir, dass trotz allem in einer nicht allzu fernen Zeit nachgefragt wird, was macht eigentlich…? Wer? Entscheiden Sie, und setzen Sie ruhig auch mehrere Namen ein, wer Ihnen jetzt halt alles so einfällt. Ich fürchte, Ihre Liste wird lang.

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Die 4. Corona-Woche beginnt, und wir warten immer noch darauf, dass die berühmte Kurve abflacht. Flacht die Kurve nämlich ab, dann…, ach, das brauch ich Ihnen ja nicht zu erklären. Sie wissen ja selbst Bescheid. Längst sind wir alle Corona-Experten. Kleine Gänsbachers, Drostens oder Brusaferros, je nachdem auf welchem Sender wir gerade unterwegs sind. Egal, im Endeffekt lernen wir sowieso immer nur eins: Niemand kann in die Zukunft schauen. Das musste sogar Anne Will in ihrer ARD-Talksendung vom Sonntagabend irgendwann einsehen, nachdem sie eine geschlagene Stunde lang ihre Gäste offenbar mit dubiosen Hellsehern verwechselt hatte. Was in zwei, drei Wochen, in einem oder zwei Monaten, in einem halben Jahr sein wird, wann wir wieder einen normalen Alltag haben werden – wer weiß das schon, außer Donald Trump natürlich und sein brasilianisches Alter-Ego Jair Bolsonaro. Ich habe mich dafür entschieden, mich mit den kleinen Fragen des Alltags zu beschäftigen und versuche nur mehr jenen Dingen auf den Grund zu gehen,  die sozusagen auf der Straße liegen. Zum Beispiel Hundescheiße. Es muss eine Verbindung geben zwischen dem Anstieg der Corona-Kurve und der Zunahme der Häufchen auf Gehwegen und Straßen. Aber welche? Kein Wunder, dass draußen kaum noch jemand herumspaziert. Ich warte auf die nächste Radiosendung „Gänsbacher erklärt“. Oder sollte ich Anne Will bitten, eine Talksendung zu diesem Thema…, oder Sie, liebe Leser*innen, melden Sie sich, wenn Sie mir weiterhelfen und das Rätsel lösen können. Bis dahin bleibe ich Zuhause.

Woche 3

Lassen Sie mich am Ende der 3. Corona-Woche eine Lanze für jene gesellschaftliche Gruppe brechen, die es gerade jetzt besonders schwer hat. Nein, ich denke nicht an Einbrecher, sondern an die unfreiwillig freiwilligen Haushaltshilfen. Natürlich, auch der gut ausgebildete Einbrecher hat es schwer. Sogar seriöse Medien beginnen, sich Sorgen zu machen und verweisen immer öfter auf die sinkende Zahl von Wohnungseinbrüchen.Wie soll ein Einbrecher auch seiner Arbeit nachgehen, wenn wir alle zuhause sitzen. Die Chancen, dass sie von staatlichen Stützungsmaßnahmen für Freiberufler profitieren, sind eher gering. Umschulungen wären eine Möglichkeit. Vom Einbrecher zum Internetbetrüger. Das ist ein Beruf, der auch in Krisenzeiten floriert, weil der Internetbetrüger dort sitzt, wo jetzt fast alle sitzen, im Home-office.

Aber ich wollte ja eigentlich über die unfreiwillig freiwilligen Haushaltshilfen schreiben. Bei denen ist die Situation derzeit genau umgekehrt: Arbeit mehr als genug. „Du, Schatz, wir haben doch jetzt Zeit“, lautet der Satz, der keinen Ausweg lässt. Alle Arbeiten, die man bisher locker mit „ja, mach ich… nächste Woche“ verschieben konnte, werden plötzlich unaufschiebbar. Auch der Hinweis auf Wichtigeres – Fußball im Fernsehen zum Beispiel – geht ins Leere. Der Blick der ständigen Mitbewohnerin spricht Bände: Du entkommst mir nicht! Ach, war das schön, als Mithelfen bem Hausputz noch ein bewusst dosierter Liebesbeweis war. Ich höre den Aufschrei der aufmerksamen Leserin: So etwas kann  nur ein Mann schreiben! Ja, liebe Leserin, wie recht Sie haben. Mehr noch: Ich gestehe, dass das sogar ein Beitrag in eigener Sache ist. Ich liste Ihnen gern auf, was ich in dieser Woche alles… oh, Verzeihung, meine Arbeitspause ist vorbei. Die Pflicht ruft.

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Alles hat seine zwei Seiten, sogar die Corona-Krise. Ertappen Sie sich auch beim Gedanken, dass es an der Zeit wäre, bei dieser oder jener Person nachzufragen, wie es so geht? Notgedrungen verzichten wir gerade auf den direkten Kontakt und ersetzen ihn mit fernmündlichem. Damit geht auch ehrliches Interesse einher, bei den meisten zumindest. Die im normalen, Corona freien Leben hingeknallte Pro-Forma-Frage „Und? Guat?“ wird ersetzt mit einer Formulierung, die nicht nur klarer und höflicher ist, sondern auch noch alle Anforderungen deutscher Grammatik erfüllt: „Wie geht es denn?“ Und zur Überraschung der Menschen, die sich mit dieser Frage konfrontiert sehen, erwarten sich die Fragenden sogar eine Antwort. Wir haben ja Zeit zum Zuhören. Zweite Überraschung: Diejenigen, die antworten sollen, haben damit kein Problem, weil sie viel zu erzählen wissen. Schon erstaunlich: Wir sitzen alle zuhause, erleben Tag für Tag mehr oder weniger dasselbe, kaum Neues, waren auch nicht im Urlaub oder haben mit Freunden gefeiert, und trotzdem, es gibt so viel zu erzählen. So gesehen hoffe ich, dass uns die Zeit zum Zuhören und die Erzählfreude erhalten bleibt, ein bisschen wenigstens, unabhängig davon, ob uns gerade ein Virus das Leben erschwert oder nicht.

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Die Zeiten sind hart, manchmal monoton. Da tut Abwechslung gut. Eine liebe Freundin hat mir geschrieben, dass die (fast) tägliche Anrufsendung im Radio (RAI Südtirol) ihr „humoristisches Highlight“ ist. Der Humor ist allerdings meistens unfreiwillig, die Information dafür umso fundierter und präziser. Dafür sorgt Prof. Bernd Gänsbacher. Wie souverän und geduldig der Wissenschaftler auf jede Hörer*innen-Frage eingeht, ringt mir großen Respekt ab. Schade dass das Crorona-Virus nicht zwei Jahre früher seine Reise um die Welt angetreten hat. Dann säße der Sarner heute mit Sicherheit im Landtag. Damals – im Herbst 2018 – musste er sich mit Platz 22 auf der SVP-Liste zufriedengeben (das Südtiroler Nachrichtenmagazin ff hat in seiner neuesten Ausgabe daran erinnert). Bernd Gänsbacher war ein Wunschkandidat von Arno Kompatscher. Der Landeshauptmann wird sich einiges dabei gedacht haben. Leider haben zu wenige SVP-Wähler*innen mitgedacht. Und so sitzen heute andere im Landtag. Ich verzichte darauf, Namen zu nennen. Nicht verzichten möchte ich, Ihnen meine Top 3 aus der Serie „Gänsbacher antwortet auf so ziemlich alles, was Südtirol imstande ist, zu fragen“ zu nennen:

Platz 3: „Wenn ich rauche, tötet das die Viren ab?“

Platz 2: „Herr Doktor, stimmt es, dass man sich im Kuhstall nicht anstecken kann?“

Platz 1 (ist keine Frage, sondern ein gutgemeinter Rat): „Bitte alle die Litanei des hl. Josef rauf- und runterbeten. Das soll helfen.“

Nur der Vollständigkeit halber: Die Antwort des Wissenschaftlers und Arztes ließ in allen drei Fällen keine Zweifel aufkommen, aber wer die Litanei rauf- und runterbeten will, darf das natürlich.

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Zur Abwechslung wieder einmal ein positiver Gedanke. „Glück ist, wenn man mit Menschen, mit denen man absolut nichts zu tun haben will, auch tatsächlich nichts zu tun hat.“ Dieser Ausspruch stammt vom Schweizer Kabarettisten Christoph Simon. Wenn Sie sich also in diesen Tagen einmal mehr über die Ausgangsbeschränkungen ärgern, weil Ihnen die Decke auf den Kopf fällt, denken Sie einfach daran, wie viele Begegnungen mit Menschen Ihnen erspart bleiben, denen Sie nicht begegnen möchten.

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Nachtrag zum vorhergehenden Eintrag: Wenn ich gewusst hätte, dass Thomas Bach meinen Blog liest, hätte ich ihn einige Tage früher geschrieben. Immerhin, so stur, wie alle sagen, ist er gar nicht. Da kommt mir aber ein Zweifel: Kam die Absage nicht von den Japanern? Dann gibt es nur eine Möglichkeit: Irgendjemand hat den Text ins Japanische übersetzt. Vielen Dank.

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Was für ein Glück, dass nicht Sportfunktionäre des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die Coronakrise meistern müssen. Wer zuletzt IOC-Präsident Thomas Bach zugehört hat, musste den Eindruck gewinnen, die Rettung der Welt hängt davon ab, ob die Sommerspiele pünktlich am 24. Juli in Tokio beginnen. Niemand verlangt, dass die Gralshüter des Millionenspiels ohne Wenn und Aber ihrem Spielzeug abschwören, aber sich im Sinne des Sports und der Sportler*innen mit Alternativen zu beschäftigen, das wäre nicht zu viel verlangt. Gleiche Chancen für alle, das müsste der Maßstab sein. Für Herrn Bach und Co. scheint hingegen „Augen zu und durch“ zu gelten, egal wie und wo mögliche Teilnehmer*innen derzeit trainieren. Aber was zählen schon Trainingsbedingungen, wenn es um Millionen geht.  Der Fußballweltmeister von 1974, Paul Breitner, sagte in diesem Zusammenhang:

„Wenn ich diese unverantwortlichen Profilneurotiker des IOC sehe, kommt mir das Kotzen! (…) In Zeiten, in denen die gesamte medizinische Konzentration auf Covid 19 gerichtet ist, (…) was glauben die, was passieren wird, was wir dann in Tokio haben? Ein Hochamt des Dopings. (…) Wer braucht in diesen Zeiten diese Spiele? Niemand!“

Mittlerweile haben bereits erste nationale Verbände (Kanada, Australien) mitgeteilt, dass ihre Länder in diesem Fall nicht teilnehmen werden. Auch aus den Reihen der Athleten nimmt die Kritik zu. Wenn die Vernunft siegt und die Sorge um die Gesundheit der Sportler*innen, dann können Herr Bach und Co. am 24. Juli gleich nach der Eröffnungsfeier die Medaillen von Mensch-ärgere-dich-nicht ausspielen. Besser als nichts…

Woche 2

Die zweite Corona-Woche geht zu Ende, und wieder dazugelernt. Zum Beispiel, dass die Holländer Cannabis hamstern. Rennen alle in ihre Coffee-Shops und kaufen auf Vorrat. Quarantäne ja, aber nicht ohne mein Gras! Die Deutschen hingegen hamstern Klopapier. Und die Amerikaner? Dreimal dürfen Sie raten. Genau: Waffen. Schlangen vor den Waffengeschäften. Vielleicht hat Trump getwittert, auf das Virus zu schießen. Da halte ich es lieber mit den Franzosen: Rotwein und Präservative sind der Renner in Frankreich. Damit ist für mich klar: Sollte ich Gelegenheit haben, eine Corona-Party zu feiern, ich würde mich von Holländern und Franzosen einladen lassen. Keine Sorge, ist eh nur theoretisch.

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Jetzt müssen wir auch noch auf den ESC verzichten. Der ESC abgesagt! Das hat mich schwer getroffen. Für alle, die es nicht wissen: Der ESC ist der europäische Musikwettbewerb, den vor gefühlten 200 Jahren Udo Jürgens und Abba gewonnen haben. Wer zuletzt gewonnen hat, weiß ich nicht mehr. Woran ich mich erinnere, ist, dass Aserbeidschaner (oder waren es Weißrussen?) Kostüme trugen, die möglicherweise aus der abgelegten Kleidersammlung von Raumschiff Enterprise stammten. Für Deutschland hat die Absage den Vorteil, dass es von Österreich heuer nicht null Punkte bekommen kann. Jetzt muss ich Ihnen aber noch sagen, warum mich die ESC-Absage getroffen hat. Weil er Mitte Mai hätte stattfinden sollen. Mit anderen Worten: Wir müssen möglicherweise noch Monate auf einen Theater- und Konzertbesuch verzichten, auf Kleinkunst, Lesungen und Ausstellungen und uns mit virtuellen Museumsrundgängen begnügen.  Für alle Künstler und Veranstalter, für alle Kulturschaffenden und nicht zuletzt für uns – das Publikum – hoffe ich, dass es bald heißt: Absage abgesagt!

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So langsam glaube ich, der Hygienebeauftragte meines Gesundheitsbezirks hat sich bei mir zuhause im Radio versteckt. Kaum schalt ich das Gerät ein, fordert er mich auf, meine Hände zu waschen. Nicht so forsch wie früher meine Mutter. Da war das ein Befehl: Hände waschen! Widerspruch zwecklos. Und was haben wir getan? Die Finger kurz unter den dünnen Wasserstrahl gehalten, ja nicht zu viel, damit die Haut nicht abgeht. Und jetzt? Jetzt seifen wir ein, rubbeln die Handflächen innen, jeden Finger einzeln, zwischen den Fingern, Handrücken, und alles noch einmal von vorn. Zur Sicherheit. So wäscht man Hände. Jetzt wissen wir es. Wenn uns das irgendwer einmal gesagt hätte, ein Experte oder eine Diplomfachfrau für korrektes Händewaschen, wir hätten uns diesen Virus erspart. Und kein Hygienebeauftragter bräuchte sich im Radio verstecken.

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Diesmal nur positive Dinge, liebe Freunde. Heute früh zum Beispiel den blauen Himmel, ganz ohne Kondensstreifen. Wann hat es das zuletzt gegeben? Und 2 Bekannte, die an einer stark befahrenen Straße wohnen, haben mir erzählt, dass sie auf dem Balkon sitzen können – und man hört nichts. Na ja, fast nichts.  Wildfremde Menschen grüßen freundlich, und wer vor einem Geschäft steht, wartet geduldig, bis er an die Reihe kommt. Vordrängen war einmal. Ach ja, Hamsterkäufe sind auch vorbei, weil alle Tierhandlungen geschlossen sind. Und gegen Corona helfen die Viecher sowieso nichts.

Woche 1

Irgendwer hat einmal behauptet, „Südtirol ist nicht Italien“. Und diejenigen, die das behauptet haben, wurden dann immer sehr schnell böse, wenn jemand das nicht geglaubt hat. Jetzt ist die Diskussion wohl ein für allemal ein Ende. Und wem haben wir das Ende dieser unnützen Debatte zu verdanken? Genau! Schon erstaunlich, wozu dieses kleine Virus imstande ist! Nur eins ist mir nicht klar: Warum hat es die unschuldigen Chinesen in diese Sache mit hineingezogen? Aber irgendwann werden wir auch das erfahren.