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Alles abgesagt? Dann eben ein

…Corona-Blog

Woche 4

Wenn jemand von der Bildfläche verschwunden ist, ja, wenn man im Grunde genommen nur bestätigt haben möchte, dass die betreffende Person noch unter den Lebenden weilt, genau dafür haben Zeitschriften die Rubrik „Was macht eigentlich…“ erfunden. Die Corona-Krise hat dieser Rubrik eine ganz neue politische Gruppe zugeführt: Die Oppositionspolitiker*innen. Haben Sie sich letzthin nicht auch gefragt, was macht eigentlich Matteo Salvini? Der Wahlkampf war sein Leben, egal, ob er gerade in der Opposition war oder auf der Regierungsbank saß. Jetzt braucht das Wahlvolk keine Wahlkämpfer, sondern hat lieber Politiker, die Verantwortung übernehmen und handeln. Salvini muss zusehen, wie seinem Intimfeind Conte die mediale Aufmerksamkeit gehört. Da kommt Hilfe aus Ungarn gerade recht. Endlich die Chance, sich zurückzumelden. Salvini-Freund Orban zeigt der Welt, dass Opposition nicht nur in diesen Tagen, sondern irgendwie überhaupt überflüssig ist. Salvini – und an seiner rechten Seite Frau Meloni – melden sich aus der politischen Quarantäne zu Wort, mit viel Lob und Verständnis für den ungarischen Weg, der Corona-Krise zu begegnen. Zu blöd, dass man sich im vergangenen Sommer selbst etwas voreilig aus dem Spiel genommen hat. Ob diese Chance noch einmal kommt, dieser Virus? Fragt sich welcher: Der Corona-Virus oder der Orban-Virus? Gegen Ersteren wird die Medizin ziemlich sicher bald ein wirksames Gegenmittel entwickeln. Der Orban-Virus hingegen hat sich nun schon seit fast 100 Jahren in regelmäßigen Abständen als resistent erwiesen, vor allem gegen jede Vernunft. Ich wünsche mir, dass trotz allem in einer nicht allzu fernen Zeit nachgefragt wird, was macht eigentlich…? Wer? Entscheiden Sie, und setzen Sie ruhig auch mehrere Namen ein, wer Ihnen jetzt halt alles so einfällt. Ich fürchte, Ihre Liste wird lang.

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Die 4. Corona-Woche beginnt, und wir warten immer noch darauf, dass die berühmte Kurve abflacht. Flacht die Kurve nämlich ab, dann…, ach, das brauch ich Ihnen ja nicht zu erklären. Sie wissen ja selbst Bescheid. Längst sind wir alle Corona-Experten. Kleine Gänsbachers, Drostens oder Brusaferros, je nachdem auf welchem Sender wir gerade unterwegs sind. Egal, im Endeffekt lernen wir sowieso immer nur eins: Niemand kann in die Zukunft schauen. Das musste sogar Anne Will in ihrer ARD-Talksendung vom Sonntagabend irgendwann einsehen, nachdem sie eine geschlagene Stunde lang ihre Gäste offenbar mit dubiosen Hellsehern verwechselt hatte. Was in zwei, drei Wochen, in einem oder zwei Monaten, in einem halben Jahr sein wird, wann wir wieder einen normalen Alltag haben werden – wer weiß das schon, außer Donald Trump natürlich und sein brasilianisches Alter-Ego Jair Bolsonaro. Ich habe mich dafür entschieden, mich mit den kleinen Fragen des Alltags zu beschäftigen und versuche nur mehr jenen Dingen auf den Grund zu gehen,  die sozusagen auf der Straße liegen. Zum Beispiel Hundescheiße. Es muss eine Verbindung geben zwischen dem Anstieg der Corona-Kurve und der Zunahme der Häufchen auf Gehwegen und Straßen. Aber welche? Kein Wunder, dass draußen kaum noch jemand herumspaziert. Ich warte auf die nächste Radiosendung „Gänsbacher erklärt“. Oder sollte ich Anne Will bitten, eine Talksendung zu diesem Thema…, oder Sie, liebe Leser*innen, melden Sie sich, wenn Sie mir weiterhelfen und das Rätsel lösen können. Bis dahin bleibe ich Zuhause.

Woche 3

Lassen Sie mich am Ende der 3. Corona-Woche eine Lanze für jene gesellschaftliche Gruppe brechen, die es gerade jetzt besonders schwer hat. Nein, ich denke nicht an Einbrecher, sondern an die unfreiwillig freiwilligen Haushaltshilfen. Natürlich, auch der gut ausgebildete Einbrecher hat es schwer. Sogar seriöse Medien beginnen, sich Sorgen zu machen und verweisen immer öfter auf die sinkende Zahl von Wohnungseinbrüchen.Wie soll ein Einbrecher auch seiner Arbeit nachgehen, wenn wir alle zuhause sitzen. Die Chancen, dass sie von staatlichen Stützungsmaßnahmen für Freiberufler profitieren, sind eher gering. Umschulungen wären eine Möglichkeit. Vom Einbrecher zum Internetbetrüger. Das ist ein Beruf, der auch in Krisenzeiten floriert, weil der Internetbetrüger dort sitzt, wo jetzt fast alle sitzen, im Home-office.

Aber ich wollte ja eigentlich über die unfreiwillig freiwilligen Haushaltshilfen schreiben. Bei denen ist die Situation derzeit genau umgekehrt: Arbeit mehr als genug. „Du, Schatz, wir haben doch jetzt Zeit“, lautet der Satz, der keinen Ausweg lässt. Alle Arbeiten, die man bisher locker mit „ja, mach ich… nächste Woche“ verschieben konnte, werden plötzlich unaufschiebbar. Auch der Hinweis auf Wichtigeres – Fußball im Fernsehen zum Beispiel – geht ins Leere. Der Blick der ständigen Mitbewohnerin spricht Bände: Du entkommst mir nicht! Ach, war das schön, als Mithelfen bem Hausputz noch ein bewusst dosierter Liebesbeweis war. Ich höre den Aufschrei der aufmerksamen Leserin: So etwas kann  nur ein Mann schreiben! Ja, liebe Leserin, wie recht Sie haben. Mehr noch: Ich gestehe, dass das sogar ein Beitrag in eigener Sache ist. Ich liste Ihnen gern auf, was ich in dieser Woche alles… oh, Verzeihung, meine Arbeitspause ist vorbei. Die Pflicht ruft.

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Alles hat seine zwei Seiten, sogar die Corona-Krise. Ertappen Sie sich auch beim Gedanken, dass es an der Zeit wäre, bei dieser oder jener Person nachzufragen, wie es so geht? Notgedrungen verzichten wir gerade auf den direkten Kontakt und ersetzen ihn mit fernmündlichem. Damit geht auch ehrliches Interesse einher, bei den meisten zumindest. Die im normalen, Corona freien Leben hingeknallte Pro-Forma-Frage „Und? Guat?“ wird ersetzt mit einer Formulierung, die nicht nur klarer und höflicher ist, sondern auch noch alle Anforderungen deutscher Grammatik erfüllt: „Wie geht es denn?“ Und zur Überraschung der Menschen, die sich mit dieser Frage konfrontiert sehen, erwarten sich die Fragenden sogar eine Antwort. Wir haben ja Zeit zum Zuhören. Zweite Überraschung: Diejenigen, die antworten sollen, haben damit kein Problem, weil sie viel zu erzählen wissen. Schon erstaunlich: Wir sitzen alle zuhause, erleben Tag für Tag mehr oder weniger dasselbe, kaum Neues, waren auch nicht im Urlaub oder haben mit Freunden gefeiert, und trotzdem, es gibt so viel zu erzählen. So gesehen hoffe ich, dass uns die Zeit zum Zuhören und die Erzählfreude erhalten bleibt, ein bisschen wenigstens, unabhängig davon, ob uns gerade ein Virus das Leben erschwert oder nicht.

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Die Zeiten sind hart, manchmal monoton. Da tut Abwechslung gut. Eine liebe Freundin hat mir geschrieben, dass die (fast) tägliche Anrufsendung im Radio (RAI Südtirol) ihr „humoristisches Highlight“ ist. Der Humor ist allerdings meistens unfreiwillig, die Information dafür umso fundierter und präziser. Dafür sorgt Prof. Bernd Gänsbacher. Wie souverän und geduldig der Wissenschaftler auf jede Hörer*innen-Frage eingeht, ringt mir großen Respekt ab. Schade dass das Crorona-Virus nicht zwei Jahre früher seine Reise um die Welt angetreten hat. Dann säße der Sarner heute mit Sicherheit im Landtag. Damals – im Herbst 2018 – musste er sich mit Platz 22 auf der SVP-Liste zufriedengeben (das Südtiroler Nachrichtenmagazin ff hat in seiner neuesten Ausgabe daran erinnert). Bernd Gänsbacher war ein Wunschkandidat von Arno Kompatscher. Der Landeshauptmann wird sich einiges dabei gedacht haben. Leider haben zu wenige SVP-Wähler*innen mitgedacht. Und so sitzen heute andere im Landtag. Ich verzichte darauf, Namen zu nennen. Nicht verzichten möchte ich, Ihnen meine Top 3 aus der Serie „Gänsbacher antwortet auf so ziemlich alles, was Südtirol imstande ist, zu fragen“ zu nennen:

Platz 3: „Wenn ich rauche, tötet das die Viren ab?“

Platz 2: „Herr Doktor, stimmt es, dass man sich im Kuhstall nicht anstecken kann?“

Platz 1 (ist keine Frage, sondern ein gutgemeinter Rat): „Bitte alle die Litanei des hl. Josef rauf- und runterbeten. Das soll helfen.“

Nur der Vollständigkeit halber: Die Antwort des Wissenschaftlers und Arztes ließ in allen drei Fällen keine Zweifel aufkommen, aber wer die Litanei rauf- und runterbeten will, darf das natürlich.

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Zur Abwechslung wieder einmal ein positiver Gedanke. „Glück ist, wenn man mit Menschen, mit denen man absolut nichts zu tun haben will, auch tatsächlich nichts zu tun hat.“ Dieser Ausspruch stammt vom Schweizer Kabarettisten Christoph Simon. Wenn Sie sich also in diesen Tagen einmal mehr über die Ausgangsbeschränkungen ärgern, weil Ihnen die Decke auf den Kopf fällt, denken Sie einfach daran, wie viele Begegnungen mit Menschen Ihnen erspart bleiben, denen Sie nicht begegnen möchten.

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Nachtrag zum vorhergehenden Eintrag: Wenn ich gewusst hätte, dass Thomas Bach meinen Blog liest, hätte ich ihn einige Tage früher geschrieben. Immerhin, so stur, wie alle sagen, ist er gar nicht. Da kommt mir aber ein Zweifel: Kam die Absage nicht von den Japanern? Dann gibt es nur eine Möglichkeit: Irgendjemand hat den Text ins Japanische übersetzt. Vielen Dank.

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Was für ein Glück, dass nicht Sportfunktionäre des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die Coronakrise meistern müssen. Wer zuletzt IOC-Präsident Thomas Bach zugehört hat, musste den Eindruck gewinnen, die Rettung der Welt hängt davon ab, ob die Sommerspiele pünktlich am 24. Juli in Tokio beginnen. Niemand verlangt, dass die Gralshüter des Millionenspiels ohne Wenn und Aber ihrem Spielzeug abschwören, aber sich im Sinne des Sports und der Sportler*innen mit Alternativen zu beschäftigen, das wäre nicht zu viel verlangt. Gleiche Chancen für alle, das müsste der Maßstab sein. Für Herrn Bach und Co. scheint hingegen „Augen zu und durch“ zu gelten, egal wie und wo mögliche Teilnehmer*innen derzeit trainieren. Aber was zählen schon Trainingsbedingungen, wenn es um Millionen geht.  Der Fußballweltmeister von 1974, Paul Breitner, sagte in diesem Zusammenhang:

„Wenn ich diese unverantwortlichen Profilneurotiker des IOC sehe, kommt mir das Kotzen! (…) In Zeiten, in denen die gesamte medizinische Konzentration auf Covid 19 gerichtet ist, (…) was glauben die, was passieren wird, was wir dann in Tokio haben? Ein Hochamt des Dopings. (…) Wer braucht in diesen Zeiten diese Spiele? Niemand!“

Mittlerweile haben bereits erste nationale Verbände (Kanada, Australien) mitgeteilt, dass ihre Länder in diesem Fall nicht teilnehmen werden. Auch aus den Reihen der Athleten nimmt die Kritik zu. Wenn die Vernunft siegt und die Sorge um die Gesundheit der Sportler*innen, dann können Herr Bach und Co. am 24. Juli gleich nach der Eröffnungsfeier die Medaillen von Mensch-ärgere-dich-nicht ausspielen. Besser als nichts…

Woche 2

Die zweite Corona-Woche geht zu Ende, und wieder dazugelernt. Zum Beispiel, dass die Holländer Cannabis hamstern. Rennen alle in ihre Coffee-Shops und kaufen auf Vorrat. Quarantäne ja, aber nicht ohne mein Gras! Die Deutschen hingegen hamstern Klopapier. Und die Amerikaner? Dreimal dürfen Sie raten. Genau: Waffen. Schlangen vor den Waffengeschäften. Vielleicht hat Trump getwittert, auf das Virus zu schießen. Da halte ich es lieber mit den Franzosen: Rotwein und Präservative sind der Renner in Frankreich. Damit ist für mich klar: Sollte ich Gelegenheit haben, eine Corona-Party zu feiern, ich würde mich von Holländern und Franzosen einladen lassen. Keine Sorge, ist eh nur theoretisch.

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Jetzt müssen wir auch noch auf den ESC verzichten. Der ESC abgesagt! Das hat mich schwer getroffen. Für alle, die es nicht wissen: Der ESC ist der europäische Musikwettbewerb, den vor gefühlten 200 Jahren Udo Jürgens und Abba gewonnen haben. Wer zuletzt gewonnen hat, weiß ich nicht mehr. Woran ich mich erinnere, ist, dass Aserbeidschaner (oder waren es Weißrussen?) Kostüme trugen, die möglicherweise aus der abgelegten Kleidersammlung von Raumschiff Enterprise stammten. Für Deutschland hat die Absage den Vorteil, dass es von Österreich heuer nicht null Punkte bekommen kann. Jetzt muss ich Ihnen aber noch sagen, warum mich die ESC-Absage getroffen hat. Weil er Mitte Mai hätte stattfinden sollen. Mit anderen Worten: Wir müssen möglicherweise noch Monate auf einen Theater- und Konzertbesuch verzichten, auf Kleinkunst, Lesungen und Ausstellungen und uns mit virtuellen Museumsrundgängen begnügen.  Für alle Künstler und Veranstalter, für alle Kulturschaffenden und nicht zuletzt für uns – das Publikum – hoffe ich, dass es bald heißt: Absage abgesagt!

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So langsam glaube ich, der Hygienebeauftragte meines Gesundheitsbezirks hat sich bei mir zuhause im Radio versteckt. Kaum schalt ich das Gerät ein, fordert er mich auf, meine Hände zu waschen. Nicht so forsch wie früher meine Mutter. Da war das ein Befehl: Hände waschen! Widerspruch zwecklos. Und was haben wir getan? Die Finger kurz unter den dünnen Wasserstrahl gehalten, ja nicht zu viel, damit die Haut nicht abgeht. Und jetzt? Jetzt seifen wir ein, rubbeln die Handflächen innen, jeden Finger einzeln, zwischen den Fingern, Handrücken, und alles noch einmal von vorn. Zur Sicherheit. So wäscht man Hände. Jetzt wissen wir es. Wenn uns das irgendwer einmal gesagt hätte, ein Experte oder eine Diplomfachfrau für korrektes Händewaschen, wir hätten uns diesen Virus erspart. Und kein Hygienebeauftragter bräuchte sich im Radio verstecken.

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Diesmal nur positive Dinge, liebe Freunde. Heute früh zum Beispiel den blauen Himmel, ganz ohne Kondensstreifen. Wann hat es das zuletzt gegeben? Und 2 Bekannte, die an einer stark befahrenen Straße wohnen, haben mir erzählt, dass sie auf dem Balkon sitzen können – und man hört nichts. Na ja, fast nichts.  Wildfremde Menschen grüßen freundlich, und wer vor einem Geschäft steht, wartet geduldig, bis er an die Reihe kommt. Vordrängen war einmal. Ach ja, Hamsterkäufe sind auch vorbei, weil alle Tierhandlungen geschlossen sind. Und gegen Corona helfen die Viecher sowieso nichts.

Woche 1

Irgendwer hat einmal behauptet, „Südtirol ist nicht Italien“. Und diejenigen, die das behauptet haben, wurden dann immer sehr schnell böse, wenn jemand das nicht geglaubt hat. Jetzt ist die Diskussion wohl ein für allemal ein Ende. Und wem haben wir das Ende dieser unnützen Debatte zu verdanken? Genau! Schon erstaunlich, wozu dieses kleine Virus imstande ist! Nur eins ist mir nicht klar: Warum hat es die unschuldigen Chinesen in diese Sache mit hineingezogen? Aber irgendwann werden wir auch das erfahren.

 

 

on Feb 21, 13 by

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